Der didaktische Stein der Weisen
Im 17. Jahrhundert war man nicht nur noch immer auf der Suche nach dem Stein der Weisen – auch in der Pädagogik hatte man sich hohe Ziele gesteckt.
So kündigte 1658 Johann Amos Comenius seine so genannte “Große Didaktik” an als “die vollständige Kunst, alle Menschen alles zu lehren”.
Ein Anspruch, der sich in heutiger Zeit nur als utopisch bezeichnen lässt, der aber perfekt ins Zeitalter der Aufklärung mit ihrem Glauben an die Erziehbarkeit des Menschen passt. Dass bei dem Theologen Comenius christliche Aspekte eine zentrale Rolle bei Inhalten und Ausrichtung spielen, verwundert nicht.
Schauen wir uns kurz einige Eckpunkte von Comenius’ Didaktik an:
Umfang – alle Menschen sollen alles lernen
Gegenstand – Wissenschaften, gute Sitten, Frömmigkeit
Art – sicher, rasch, angenehm, gründlich, leicht
Für die Erfüllung dieser Ansprüche gibt Comenius eine “nach Jahren, Monaten, Tagen und Stunden” festgelegte Struktur vor.
Damit geht die Lehr-”Kunst” nicht nur in ihren inhaltlichen Schwerpunkten weit über die Erwartungen hinaus, die heute an die Allgemeine Didaktik gerichtet werden – auch die Umsetzung ist weit von der Realität heutiger Lehr- und Lernprozesse entfernt.
Vor allem im Hinblick auf das Ziel, das jeder “alles” lernen solle, fallen mir die Zahlen zur so genannten Informations- oder Wissensexplosion ein, die besonders gerne angeführt werden, wenn es um die Ausdehnung des Internets geht. Selbst, wenn man zugesteht, dass sich Comenius wohl kaum auf das gesamte Wissen seiner Zeit bezogen haben wird, haben wir die Zeiten der Generalgelehrten lange hinter uns gelassen.
Ist Comenius’ Ansatz also völlig überholt? Nicht ganz! Ein Punkt ist mir als überraschend aktuell aufgefallen: Laut ihrem Schöpfer ist die “Große Didaktik” auf der Suche nach der Unterrichtsweise, bei der “die Lehrer weniger zu lehren brauchen, die Schüler aber dennoch mehr lernen”.
Mit anderen Worten propagiert Comenius einen didaktischen Ansatz, der unter dem Schlagwort vom “selbstgesteuerten Lernen” auch im Bereich des E-Learning zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Soviel zur “Didactica magna” aus dem 17. Jahrhundert. Doch was ist das moderne Verständnis von Allgemeiner Didaktik? Basierend auf aktuellen wissenschaftlichen Aussagen schlage ich folgende Definition vor:
“Die Allgemeine Didaktik untersucht mit Hilfe wissenschaftlicher Ansätze und Methoden alle in Lehr-Lern-Prozessen relevanten Faktoren und ist damit abzugrenzen von Fach-, Bereichs- und spezifischen Didaktiken. Sie soll als praktische Anleitung zur Bewältigung von Herausforderungen aus dem Unterrichtsalltag dienen und vereint die Ergebnisse aller auf Lehr-Lern-Vorgänge bezogenen Wissenschaften in sich.”
Januar 6th, 2010 at 20:03
Hallo Kirsten,
mir hat die Art, wie Du in Deinen Beitrag einführst, sehr gut gefallen. Kurz, prägnant und sehr flott stellst Du Comenius, seine Zeit und die Kernpunkte seiner Didaktik vor. Auch die Art, wie Du Comenius aus heutiger Sicht bewertest, fand ich interessant, da ich zu einer eher gegensätzlichen Einschätzung gelangt bin. Überhaupt sind die Beiträge sehr unterschiedlich… spannend!
Liebe Grüße
Susanne
Januar 8th, 2010 at 16:56
Liebe Kirsten,

somit war Comenius zum Teil seiner Zeit weit voraus und ist nicht nur auch heute noch aktuell sondern teilweise befinden sich seine Einschätzungen sogar im Jahre 2010 weiterhin in Kinderschuhen
Mir hat es Spaß gemacht, mich mit deinem Beitrag zu beschäftigen - die Querverweise auf Harry Potter und den theologischen Hintergrund Comenius finde ich spannend und auch die Übersicht der Eckpunkte ist sehr gelungen.
Generalgelehrte wollen wir nicht, da stimme ich dir zu. Interessant könnte an dieser Stelle eine Auseinandersetzung dahingehend sein, dass wir zwar Generalgelehrte nicht hervorbringen möchten und können, dennoch Generalisten, die sich schnell in wechselnden Szenarien zurechtfinden, mehr denn je gefragt sind. Wie schaffe ich einen Generalisten, der nichts weiß, aber ad hoc alles wissen kann?
Viele Grüße,
Anka
Januar 10th, 2010 at 16:56
Hallo Kirsten!
Ich finde, du hast es in deinem Beitrag sehr klar und übersichtlich auf den Punkt gebracht.
Comenius Ansprüche reflektieren klar den Zeitgeist seiner Epoche und mögen uns daher in manchen Belangen aus heutiger Sicht überzogen erscheinen.
Aber es braucht Idealisten und Visionäre, um zu bewegen und als solchen sehe ich ihn eindeutig.
Was nun seine Forderung “allen alles zu lehren ” betrifft, so interpretiere ich “alles”, als “alles, was nötig / notwendig” für das ” künftige Leben”, was wiederum einen selektiven Zugang zur Wissenflut vorsieht.
Ich stimme dir vollkommen zu, dass sein geforderter Ansatz für mehr Lernerautonomie heute aktueller erscheint denn je.
Freu mich darauf, mehr von dir zu lesen!
Liebe Grüße aus dem total verschneiten Linz
Michaela